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Allgemeiner Überblick
Erstes Ziel bei den bürgerlichen Parteien bei den Landtagswahlen von
1930 war es, die sozialdemokratische Alleinregierung zu stürzen. Dazu
hatten sich die bürgerlichen Parteien unter Führung der Deutschnationalen,
einer rechtskonservativen Partei, zu einer Einheitsliste
zusammengeschlossen.
Der erwartete Wahlerfolg für die bürgerliche
Einheitsliste blieb aber aus. Sie erhielten nur 11 von 40 Landtagssitzen.
Einen unerwarteten Erfolg erreichte dagegen die NSDAP. Sie hatte
ihre Mandatszahl von 1 auf 9 gesteigert. Vor allem hatten durch die
Wirtschaftskrise verarmte Bürger aus dem Mittelstand die NSDAP
gewählt, von der sie erhofften, daß ihre Situation verbessert werden
würde. Die beiden Arbeiterparteien SPD und KPD
blieben bei diesen Wahlen in der Minderheit. Die Staatspartei,
liberale Demokraten, erhielt 1 Sitz.
Da keine Partei nach diesen Wahlen eine Alleinregierung stellen konnte, wurde die bürgerliche Einheitsliste mit der NSDAP einig, eine Koalition zu bilden, in der die NSDAP das Innenministerium erhielt. Damit hatten die Nationalsozialisten seit Ende 1930 die Kontrolle über die Polizei und über das Schulwesen in Braunschweig. Dietrich Klagges (NSDAP) wurde 1931 Innenminister und sorgte dafür, daß Hitler 1932 vom Braunschweiger Landtag die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt.
Um ihre Macht zu demonstrieren, veranstalteten am 17./18. Oktober 1931 die Nationalsozialisten einen großen Aufmarsch in Braunschweig. Hunderttausend SA-Männer aus dem ganzen Deutschen Reich waren nach Braunschweig gebracht worden. Die Nazis überfielen Straßenpassanten, Menschen wurden brutal zusammengeschlagen. Zwei Arbeiter ließen die Nazis während ihrer Nachtdemonstration als Opfer zurück. Ein Arbeiter war von den Messerstichen von SA-Männern so schwer verletzt worden, daß er seinen Verletzungen erlag. Ein anderer Arbeiter, der fünf Kinder und eine Frau zurückließ, war von einem nationalsozialistischen Heckenschützen ermordet worden. Daneben gab es mehr als 100 Verletzte. Anläßlich der Beerdigung der beiden Toten, an der 25.000 Menschen teilnahmen, wurde in Braunschweig in keiner Fabrik gearbeitet. Die organisierte Braunschweiger Arbeiterschaft machte auf diese Weise ihre Ablehnung des nationalsozialistischen Terrors deutlich.
Aber auch die Massenkundgebungen der Braunschweiger Arbeiterschaft konnten nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich die Braunschweiger Arbeiterbewegung - wie die Arbeiterbewegung im ganzen Deutschen Reich - in der Defensive befand. Neben der feindseligen Haltung von Unternehmern und Reichsregierung hatte dies zwei Ursachen:
'Wir hatten ein Textilgeschäft auf dem Mittelweg, mein Mann (Leo
Rosenstock) mit seinem Cousin zusammen. Nach den Aktionen der SA im
April 1933 gegen die jüdischen Geschäfte, wo sie aufschrieben,
welche Leute bei uns kaufen wollten, durften wir keine Inserate mehr
in die Zeitung geben. Mein Mann und sein Cousin ließen deshalb
Reklamehandzettel drucken, die sie in der Stadt verteilten. Sie wurden von
irgendwelchen Leuten angezeigt, weil sie glaubten, sie vertrieben
kommunistische Propaganda. Sie wurden verhaftet, aber dann wieder
entlassen, als sich herausstellte, daß das ein Irrtum war. Etwas später
veranstalteten die Nazis einen großen Umzug. Wir standen auf dem
Altstadtmarkt und sahen uns das Schauspiel an. Die Hand heben zum Deutschen
Gruß durften wir als Juden nicht und wollten wir auch nicht.
Plötzlich trat einer aus der Menge heraus und schlug meinen Mann
mitten ins Gesicht mit einem großen Stulpenhandschuh, weil wir die
Hand nicht gehoben hatten.
Die Verfolgung ging in den nächsten Jahren weiter. 1935 mußten in
Braunschweig alle Juden, die nicht in Braunschweig geboren waren, ihr
Geschäft aufgeben. Mein Mann mußte auch sein Geschäft schließen.
Sie wurden nun zur Arbeit beim Flughafenbau in Waggum geholt. Sie
mußten zum Beispiel die Stubben roden und auf großen Kipploren
abtransportieren. Dabei traten und schikanierten die Vorarbeiter sie.
Mein Mann wurde von einem Vorarbeiter getreten, so daß er über eine
solche Kipplore fiel und sich verletzte. An der rostigen Lore zog er
sich eine Blutvergiftung zu. Als ich einen Arzt anrief und sagte er
solle kommen, ich sähe einen roten Streifen, antwortete er: 'So
schnell schießen die Preußen nicht'. Bis es mir endlich gelang einen
Arzt zu finden, der bereit war, meinen Mann zu behandeln, war er schon
bewußtlos. Dieser Arzt brachte ihn sofort ins Vinzenz-Krankenhaus, wo
er ein Jahr blieb.
Als mein Schwager für ein paar Tage aus Polen kam, wollten wir die
unterlassene Hilfeleistung des Arztes zur Anzeige bringen und wandten
uns an den behandelnden Arzt, Dr.W., der sagte:'Eine Krähe hackt der
anderen kein Auge aus'. Als wir trotzdem die Anzeige versuchten, sagte
man uns nun:'Sie sind doch Juden!' - Mit anderen Worten: 'Da brauchen
wir uns nicht weiter drum zu kümmern'.
Mein Mann lag bis Mai 1938 schwer krank und ist dann verstorben. Ich
war dann mit meinen beiden Kindern allein, mußte ihm auf dem
Sterbebett noch versprechen, daß wir rausgehen aus Braunschweig nach
Amerika.'
(Interview mit Eva Helene Teidge, verw. Rosenstock)
| Breits 1933 zeichnete sich im Freistaat Braunschweig der Judenhaß Naziregimes in erschreckendem Maße ab. Es kam zu Verfolgungen, Mißhandlungen und zur Schikanierung dieser Bevölkerungsgruppe. Am 11.März zertrümmerten SS-Männer die Schaufenster jüdischer Geschäfte in der Innenstadt. Als aus außenpolitischen Gründen solche Aktionen untersagt wurden, peinigten die Nationalsozialisten jüdische Einwohner Braunschweigs durch nächtliche Telefonanrufe und Überfälle. Viele Juden gaben daraufhin ihre Geschäfte auf und bereiteten ihre Auswanderung vor. |
Zwei Tage später kam es in Braunschweig zu einer großangelegten Verhaftungswelle. 149 Juden wurden in Konzentrationslager verschleppt. In Braunschweig, Helmstedt, Schöningen und Bad Harzburg zertrümmerten Nationalsozialisten jüdische Geschäfte. Sie setzten in Wolfenbüttel und Seesen die Synagogen in Brand und verwüsteten das Braunschweiger Gebetshaus. Vier Wochen nach ihrer Verhaftung ließ man die Eingesperrten aus den KZ's heraus und viele von ihnen nutzten die Gelegenheit zur Ausreise. Dennoch verblieben nach Feststellung der Gestapo im Jahre 1939 226 Juden in Braunschweig, für die das furchtbarste Kapitel der Verfolgung begann...
Endstation für die meisten Braunschweiger Sinti waren Ausschwitz, Buchenwald und Dachau. In Ausschwitz gab es ein regelrechtes Zigeunerlager.
Nach dem Krieg siedelten in Braunschweig ca. 30 Sintifamilien an. Alle Familien haben durch die Verfolgung 1933-45 Angehörige verloren. Fast alle Älteren sind selbst in Ausschwitz, Dachau oder Buchenwald gewesen und haben nur überlebt, weil sie noch Kinder waren oder als 'arbeitsunfähig' der Vernichtung entgingen.
Leider hat die Verfolgung der Sinti nach dem Krieg nicht aufgehört. Vielen wurde eine Entschädigung verwehrt. Wenn sie doch erfolgte, war es eine lächerliche Abspeisung. Die 'Zigeunerkarteien' der Landeskriminalämter wurden nach dem Krieg einfach weitergeführt und es gab schlimme Begründungen für die Verweigerung einer Entschädigung:
Die Verfolgungsmaßnahmen bei Zigeunern seien nicht rassisch bedingt, sondern 'Kriminalitätsvorsorge' gewesen. In vielen Bereichen haben die Sinti auch heute noch gegen Diskriminierung zu kämpfen. (Verfaßt von Pastor Herbert Erchinger, Arbeitskreis Holocaust)
Schon frühzeitig sprach sich der konservative 'Deutsche Richterbund' für ein Hitler-Regime aus und trat 1933 freiwillig dem 'Bund Nationalsozialistischer Deutscher Juristen' bei. Es war der einzige Berufsverband, der ohne großes Aufbegehren der allgemeinen 'Gleichschaltung' zustimmte. Demgegenüber wurde der oppositionelle 'Republikanische Richterbund' mit der Machtübernahme Hitlers verboten und seine Mitglieder ihres Amtes enthoben. Der einzige sozialdemokratische Richter in Braunschweig, Dr. Staff, wurde 1933 aus dem Justizdienst entlassen und zeitweise sogar inhaftiert. Dieses geschah ohne den Protest seiner Kollegen. Auch in vielen anderen Fällen kennzeichnete nicht der Widerstand das Verhältnis der Braunschweiger Justiz zur nationalsozialistischen Politik, sondern Heraushalten. Das inhumane, brutale Vorgehen der NSDAP gegen Braunschweiger Juden, Gewerkschaftern, Kommunisten und Sozialdemokraten wurde von den Richtern und Staatsanwälten toleriert. Mit wenigen Ausnahmen galt das Motto: 'Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen'. Diese bezeichneten dieselben Richter und Staatsanwälte rückblickend nach 1945 als 'innere Emigration' und zogen sich auf die Neutralität ihrer Berufsstandes zurück.
Die Anpassung der Braunschweiger Justiz an das bestehende System kostete vielen unschuldigen Menschen das Leben. Der Fall der Erna Wazinski ist hierfür kennzeichnend. Die 19jährige wurde für den Diebstahl einiger Kleidungsstücke und eines versilberten Schmuckkästchens unter Anwendung der 'Volksschädigungs-Verordnung' zum Tode verurteilt, obwohl die Richter die Möglichkeit besaßen, das Vergehen mit Geld- oder Gefängnisstrafe zu ahnden. Die Vollstreckung des Todesurteils erfolgte am 23.November 1944 im Richthaus des Strafgefängnisses von Wolfenbüttel durch Enthauptung (über diesen Fall informiert-> Adam Seide: Die Braunschweigische Johanna - Ein deutsches Requiem, Syndikat-Verlag, Frankfurt 1986).
In der lutherischen Kirchengemeinde Braunschweigs herrschte zur Zeit der sozialdemokratisch geführten Landesregierung Ende der 20er Jahre Unzufiedenheit. Die sowohl ideelle als auch finanzielle Trennung von Kirche und Staat war vollzogen. So erlebten die Pfarrer die ideologische Krise verschärft auch als existentielle. Die Schulen wurden dem kirchlichen Einfluß entzogen. Schließlich standen die Kirchenleitungen den rapide steigenden Austrittszahlen hilflos gegenüber. Die Schuld sah die Kirche in den marxistisch gefärbten und antichristlichen Haltung der Sozialdemokraten. Deshalb bezog sie auch zu den Braunschweiger Landtagswahlen 1930 eindeutig Stellung: 'Auf keinen Fall Sozialdemokraten!' Das Wunschdenken der Pfarrer richtete sich auf eine Wiederherstellung der alten Obrigkeitsstruktur. In dieser Wahl zog die NSDAP mit in den Landtag ein.
Befriedigt sah sich die Kirche nun wieder in der Gunst der Regierung (NSDAP/Bürgerliche Einheitsliste). Sie erhielten wieder volle Zuschüsse, und in den Schulen konnte wieder christlich erzogen werden. Die Kirchenleitung stellte inhaltliche Parallelen zu den Programmpunkten der NSDAP fest:
So öffnete sich die Kirche dem Nationalsozialismus als wohlwollender, zunächst jedoch noch selbständiger Partner. Nachdem Hitler sich 1933 als christliche Obrigkeit bezeichnet hatte, jubelte auch die Braunschweiger Kirche, und in einem Eifer wie in keinem anderen deutschen Land vermischten sich Kirche und Partei: Fast ein Drittel der Pfarrer traten am 1.5.1933 in die NSDAP ein, braune Uniformen füllten die Kirchen, und bereits zum Kirchentag 1933 traten alle Synoden in SA- Uniform auf. Die Rückkehr zur 'monarchistischen, christlichen Obrigkeitsstruktur' schien gewährleistet. Die Kircheneintrittszahlen schnellten in die Höhe - wie die der NSDAP. Die evangelischen Hilfswilligen der sich christlich nennenden Diktatur sammelten sich bereits 1932 als 'Deutsche Christen', die das Konzept des Ineinander von Kirche und Partei anstrebten. Bei den Wahlen für die Kirchenparlamente 1933 schlugen sie mit 82% die mehr auf Distanz bedachte Liste 'Evangelium und Kirche'. Im Umgang mit der Opposition zeichnete sich der neü kirchliche Führungsstil ab: Es wurde entlassen, versetzt und mit KZ gedroht.
1934 gingen Kirche und Partei wieder mehr auf Distanz, nachdem der Nationalsozialist Bischof Beye wegen Kollektenunterschlagung denunziert und fallengelassen worden war. Es entwickelte sich ein Verhältnis friedlicher Koexistenz. Die Kirche begleitete die Ereignisse vor und während des Krieges mit Bitt- und Dankgottesdiensten und betrachtete Hitler als 'gottgewollte' Staatsmacht, die sie, dem patriarchalischen Gedankengut Luthers entsprechend, zu stützen hatte. Der Krieg wurde nicht in Frage gestellt; besonders der Rußlandfeldzug fand als 'Kreuzzug' breite Zustimmung, richtete er sich doch gegen den eigenen ideologischen Hauptfeind. Bereits 1935 begannn die Hilfestellung der Kirche einseitig zu werden. Christliche Inhalte traten zurück zugunsten des nationalsozialistischen Rassismus, dem sich eine arisch orientierte Kirche unterzuordnen hatte. Es wurden Kirchenlieder umgeschrieben, Predigten abgehört und zensiert, Pastoren mit Redeverbot belegt und Gottesdienste gestört. Die Kirche reagierte nicht mit Widerstand, sondern gab immer mehr christliche Inhalte auf, um ihre Loyalität dem Staat gegenüber zu beweisen. Die oppositionelle Gruppe, die sich auf der Barmer Synode 1934 zusammengefunden hatte, blieb in Braunschweig ohne Bedeutung.