Sonderausstellung zur Harzburger Front und Rechtsextremismus heute…

Vom 19. September bis zum 19. Dezember 2010 zeigt das Braunschweigische Landesmuseum Sonderausstellungen: des Vereins Spurensuche Harzregion und zum Rechtsextremismus heute in Kooperation mit der Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Gewalt (ARUG).

Seit 2009 besteht diese Ausstellung in Bad Harzburg und jetzt geht sie auf Wanderschaft. Zunächst war sie im Hannoveraner Landtag und nun eben ist sie im Braunschweiger Landesmuseum angekommen.

Diese Ausstellung soll insbesondere Erinnerungsarbeit leisten. Vor allem Jugendliche in ihren Schulklassen sollen angesprochen werden. Die Geschichte soll nicht nur als geronnnene Vergangenheit sondern als Lernfolie für heute begriffen werden. Ihr Anspruch ist etwas mehr als nur „Wehret den Anfängen!“, denn Begreifen bedeutet auch aktiv gestalten!

Bei der heutigen Eröffnungseinladung war ich dabei. In den Vorträgen wurde zunächst nochmals kurz beleuchtet, in welcher Situation sich die Menschen am Ende der Weimarer Republik befanden: viele hatten noch das Kaiserreich, den Kolonialismus, den 1. Weltkrieg, die russische Oktoberrevolution 1917, den Kapp-Putsch 1920, die „goldenen 20-iger Jahre“, Wirschaftskrise 1929, Straßenkämpfe und Notverordnungen erlebt. Es war eine Zeit des Aufbruchs, der Gegensätze und der Suche nach einer Utopie. Es war auch eine Zeit des Beginns der Internationalisierung der Wissenschaften (Freud, Benjamin, Marcuse…).

Diese Vision einer anderen Gesellschaft ist bis 1933 zu Asche verbrannt. In nur fünf Jahren – was heute einer ca. einer Legislaturperiode entspricht – hatten die Nationaldemokraten zu einer „Selbstentmündigung“ der Weimarer Republik geführt. Lag die NSDAP 1929 bei 2,6% so wählten sie 1933 43,9% (Quelle). Und schließlich gab es einen Punkt „of no return“ (kein zurück), verursacht häufig durch die folgsame Bürokratie – in Justiz, Hochschule und anderen gesellschaftlichen Bereichen.

Die Harzburger Front und auch die Stadt Braunschweig spielten in diesem Prozess gewiss eine wichtige Rolle. Die Ausstellung beleuchtet exemplarisch die Lebensbiographien der Verantwortlichen: Dietrich Klagges, Friedrich Jeckeln, Friedrich Alpers, Hermann Berndt und Hermann Nordmann. In einem früheren Artikel hatte ich schon einmal die Geschichte des Nationalsozialismus in Braunschweig aufgeführt (hier).

Besonders interesant fand ich den Vortrag von Reinhard Koch (Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Gewalt, Braunschweig): „Rechtsextremismus heute – Aktuelle Herausforderungen in der Region“
Allgemeine Vorurteile sind meist: Rechte gibt es nur im Osten, Rechte sind eine Randerscheinung und eher ein Jugendproblem, es sind einfach ewig Gestrige und am Besten sollte man sie einfach verbieten.

Doch so einfach ist das nicht! Rechtsextremismus ist ein Demokratieproblem!

Was soll ein Berufschullehrer seinen Schülern sagen, wenn sie die Ausbildung abgeschlossen haben, aber ein Ausbildungsplatz nicht zur Verfügung steht. Oft entsteht dann erstmal eine lange Pause… Der Jugendliche verspricht sich schließlich überhaupt keine Antwort mehr. Wo soll er seine Anerkennung in unserer Gesellschaft finden? Da bieten ihm die Rechten scheinbar eine Lösung: Anerkennung, Respekt, Dazugehörigkeitsgefühl, Elitebewusstsein und Freunde. Den ganzen Tag kann er als Rechter leben, mit Musik, in Gesellschaft und den scheinbar so einfachen Lösungen. Und er trifft in unserer Gesellschaft auf viele Vorurteile, die ihn bestätigen: nach Angaben von Herrn Koch meinen 58% in Niersachsen, wir hätten zuviele Ausländer, 20% halten die Weißen für führend, 40% sind gegen gleichgeschlechtliche Bindungen, über 40% möchten die Obdachlosen von den Straßen entfernen, 30% wollen mehr Rechte für Einheimische… usw…

In weiten Teilen unserer Gesellschaft herrscht noch eine Ideologie der Ungleichwertigkeit. Und 85% der Jugendlichen in Deutschland haben Angst vor einer Spaltung der Gesellschaft: sie fürchten, eventuell auf der Loser-Seite (Verlierer-Seite) stehen zu können. Ursache sind die momentanen politischen Entwicklungen, die eine Umverteilung des gesellschafltichen Reichtums von unten nach oben bewirken.

Die große Frage: wie können wir vor allem Jugendliche vor einem Weg in die rechte Szene bewahren? Und wie kann der Weg zurück angegangen werden? Als Anstoß soll diese Ausstellung dienen. Schulklassen sollen über Probleme und Kontakte mit rechtem Gedankengut auch über die „Lernfolie Geschichte“ mit einem Austausch beginnen. Es gilt dem braunen Sumpf eine bunte Erlebniswelt der Demokratie entgegenzustellen.

Aktuell ist in Braunschweig auch die Diskussion um den Naziaufmarsch am 4. Juni 2011 in Braunschweig. Es hat sich ein Bündnis gegen Rechts gebildet, in dem man sich an den Vorbereitungen für Gegenmaßnahmen beteiligen kann.

Hinweisen möchte ich auch noch auf die Seite Jugendinfo gegen Rechts.

CIAO Hans

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