Mahnwache zu Gaza …

Gaza nach der israelischen "Operation Gegossenes Blei"Am letzten Samstag fand in Braunschweig eine Mahnwache zum Gedenken an den Gazakrieg statt. Unter dem Motto „Menschenrechte sind unteilbar!“ gedachten das Friedenszentrum und Friedensbündnis Braunschweig zusammen mit dem Deutsch-Palästinensischen Verein Braunschweig an die militärische israelische Operation „Gegossenes Blei“ vor zwei Jahren. In verschiedenen Redebeiträgen wurde die Situation der Menschen in Gaza geschildert.

Von einem „Krieg ohne Gnade“ sprach Israels Verteidigungsminister Ehud Barak. Während dieses Krieges wurden 1.434 Palästinenser getötet und weitere 5.303 verletzt, viele von ihnen auf grausame Weise verstümmelt. Auch setzte Israel international geächtete Waffen wie Phosphor- und DIME-Granaten ein. Unter den 960 toten Zivilisten waren ein Drittel Frauen und Kinder (288 Kinder und Jugendliche sowie 121 Frauen). Auf israelischer Seite starben 13 Menschen, davon 3 Zivilisten, 84 wurden verletzt.

Der Krieg hat im Gaza-Streifen ein Bild der Zerstörung hinterlassen mit 4.000 zerstörten und 21.000 beschädigten Häusern einschließlich Schulen und Krankenhäusern, Gebetshäuser, Universitäten, Regierungs- und andere öffentliche Gebäude. Die Infrastruktur wurde nahezu völlig zerstört. Nicht offen sichtbar sind die traumatisierten Menschen, vor allem die Kinder. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass zwischen 20.000 und 50.000 Menschen durch die Angriffe Langzeitschäden davongetragen haben.

Bereits im April 2009 bestätigte eine unabhängige ärztliche Untersuchungskommission Verletzungen des humanitären Völkerrechts und der Menschenrechte während des Krieges im Gaza-Streifen. Die Kommission stellte fest, dass medizinische Versorgung von Verwundeten verzögert oder verhindert wurde und Angriffe auf Zivilisten, z.T. während der Waffenruhe, und auf Rettungskräfte während ihres Einsatzes stattfanden. Zudem würden die Kriegsschäden an Gesundheitseinrichtungen langfristige Folgen für die Gesundheitsversorgung haben.

Die unabhängige UN-Kommission unter der Leitung von Richard Goldstone kommt in ihrem Bericht vom September 2009 zu dem Schluss, dass sowohl die Raketenabschüsse auf Israel als auch die Angriffe des israelischen Militärs auf Gaza auf Kriegsverbrechen und auf Verletzung der Menschenrechte hinauslaufen. Dabei zielte die israelische Offensive offenbar darauf ab, die Bevölkerung im Gazastreifen insgesamt zu treffen und zu bestrafen. Sowohl in der UNVollversammlung als auch vom EU-Parlament wurde der Goldstone-Bericht angenommen und die Umsetzung der Empfehlungen ausgesprochen.

Aufgrund der seit Januar 2006 bestehenden Blockade des Gaza-Streifens durch Israel verläuft der Wiederaufbau schleppend. Mangels Baumaterial sind viele Häuser einschließlich Schulen noch beschädigt und haben keine Fenster. Menschen leben weiterhin in provisorischen Unterkünften. Die Versorgung der Bevölkerung ist laut der NGO Oxfam anhaltend kritisch. Die Lockerungen der Importe am 20. Juni haben zu keiner substanziellen Verbesserung der Lebenssituation in Gaza geführt, so dass über 80% der Bevölkerung von ausländischer Hilfe abhängen. Der Mangel an wichtigen Medikamenten und medizinischen Geräten sowie Nahrungsmitteln, Babynahrung und Trinkwasser bleibt unverändert. Engpässe in der Energieversorgung sind alltäglich. Im Oktober 2008 hatte die israelische Regierung ein fast vollständiges Einfuhrverbot für Kraftstoffe in den Gazastreifen erlassen.

Israel erlaubt keine eigenen Exporte aus Gaza, so dass die Wirtschaft am Boden liegt. Nach Wikileaks-Enthüllungen sollte die Wirtschaft im Gazastreifen „am Rande des Zusammenbruchs“ gehalten werden, ohne sie „ganz über die Kante zu stoßen“. Deshalb wird es nur durch Beendigung der Blockade und die Aufhebung des Exportverbots eine wirtschaftliche Entwicklung und eine Verbesserung der Situation für die Bevölkerung in Gaza geben.

Wir appellieren an die deutsche Regierung sich ernsthaft gegenüber der israelischen Regierung für ein Ende der völkerrechtswidrigen und menschenverachtenden Blockade von Gaza und für Reisefreiheit der Bewohner einzusetzen.

Dr. Ute Lampe, Friedensbündnis Braunschweig
Frieder Schöbel, Friedenszentrum Braunschweig
Dr.med. S. Tarmassi, Deutsch-Palästinensischer Verein Braunschweig

Zum Abschluss der Mahnwache wurde ein Text von Erich Fried verlesen, den ich hier mit aufnehmen möchte:

Höre, höre, Israel !

Als wir verfolgt wurden,
war ich einer von euch.
Wie kann ich das bleiben,
wenn ihr Verfolger werdet?

Ihr habt überlebt
die zu euch grausam waren.
Lebt ihre Grausamkeit
in euch jetzt weiter?

Eure Sehnsucht war,
wie die anderen Völker zu werden
die euch mordeten.
Nun seid ihr geworden wie sie.

Kehrt um! Kehrt um!
Die euch Geld oder Waffen gaben
Werden nicht immer da sein
Um euch zu schützen

Umkehren wird nicht leicht sein:
Der Haß der Armen lebt lange
Und viele wünschen euch das
Was einst ihr euren Peinigern wünschtet

Doch euch bleibt kein anderer Weg
Euch die Zukunft zu öffnen
Wenn es nicht eine Zukunft
Der ewig Verhassten sein soll

Kehrt um! Kehrt um!
Die euch Geld oder Waffen geben
Brauchen euch nur als Söldner
Gegen die Zukunft

Gegen das Ende der Ausbeutung
Gegen die Hoffnung der Armen
Gegen die Völker
Die eure Brüder sein sollten

(aus dem Gedichtzyklus zum Sechstagekrieg 1967 – Höre, Israel von Erich Fried 1974)

CIAO Hans

PS: Hier ein ausführlicher Bericht zur Lage in Gaza von Physicians For Human Rights – Israel (englisch)

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Manifest – Der Tanz der Seele…

Mein Fenster zur Kommunikationswelt...

I.

Ich sitze an diesem Morgen wie jeden Tag wieder vor meinem Computer. Diese Arbeit gehört mittlerweile zu meiner festgezurrten Tagesstruktur. Ich rufe meine Emails ab und antworte in kurzen Re-Mails. Ich beobachte die Statistiken meiner Homepage und meines Blogs und freue mich über die vielen internationalen Besucher. Aus den fernsten Winkeln der Welt schauen Besucher auf meinem Blog vorbei – die Sprache ist kein Problem, da ich einen Übersetzer auf der Seite eingebaut habe. Ich finde es faszinierend, meine Artikel in arabisch, russisch oder chinesisch zu betrachten, interessante unverständliche Schriftzeichen, hinter denen sich meine Gedanken verbergen. Nebenbei schaue ich kurz auf mein Konto und der Auszug beruhigt, nicht wegen des Betrages sondern eher durch das Gefühl, dass sich nicht irgendein Ganove unberechtigt Zugriff verschafft hat. Ja, man muss vorsichtig sein in diesen Zeiten.

Ich sitze in meiner dunklen Stube, es ist noch sehr früh am Morgen, und ich schaue mir, während ich im Hintergrund einem Radioprogramm aus den USA lausche, mittels der verschiedensten Programme die internationale Nachrichtenflut an. Hier ein Video aus Fernost, dort einen Radiobeitrag aus Deutschland oder auch einen Zeitungsartikel aus den USA. Die Auswahl ist so groß, dass ich immer nur noch die Überschriften überfliege, höchstens die Kurzzusammenfassung betrachte und dann entscheide, ob ich den Artikel lesen möchte. Danach folgt schon wieder eine Entscheidung – ist der Artikel interessant genug, um ihn in Twitter zu setzen? In einem bunten Mix aus aktuellen Nachrichten und Links zu meinen eigenen Blog-Beiträgen kreiere ich meinen Twitter-Fluss. Durch dieses Verfahren werden meine Artikel enorm aufgewertet – sie stehen plötzlich neben Artikeln der renommierten Zeitungen. Schon etwas vermessen…

Aber ich fühle mich gut dabei. Ich sitze hier in meinem Wohnzimmer und starre auf den Monitor wie durch ein Fenster zur Welt. Ich fühle mich keineswegs einsam. Eher beschleicht mich das Gefühl, ein Teil von einem großen Ganzen zu sein.

Dies ist die Welt der Kommunikation, des ungezähmten Informationsflusses, der seit einigen Jahren immer mehr anschwillt. Er besteht aus einem großen Müllhaufen von Zeichen und Bildern und es ist eine Herausforderung, die Rosinen daraus zu finden. Doch hat man sich die verschiedenen Methoden zur Komprimierung der Flut angeeignet, dann ist das Konzentrat durchaus erbaulich. Und ich trinke täglich einen großen Schluck daraus. Freunde von mir meinen, ich sei dadurch schon regelrecht besoffen. Etwa schon Sucht? Das Kriterium der Sucht ist der Kontrollverlust, nicht mehr ich regele mein Leben sondern das Suchtmittel bestimmt mich. Doch ein Sklave meiner Kommunikation bin ich noch nicht geworden. Ich kann mich abgrenzen und auch für längere Zeiträume auf das Fenster zur Welt verzichten.
Ich bin ein depressiver Mensch, der auch immer wieder mit seinen Ängsten zu kämpfen hat. Und in dieser unsicheren Lebenslage brauche ich Halt, eine Struktur, die in ihrer Regelmäßigkeit etwas Sicherheit vermittelt. Und eben dies ist meine Tagesstruktur, in der ich meine virtuelle Kommunikation eingebunden habe.

Ich schreibe Artikel in meinem Blog – ja für wen eigentlich? Ich behandele Themen, die mich in meinem Denken bewegen, und schicke sie quasi in ein Kommunikations-Nirwana. Durch dieses Treiben bin ich mit meinen Gedanken nicht mehr allein, sondern meine Gedanken werden Teil von einem Welt-Ganzen. Ich werde Teil des globalen Dorfes und kann mich der Illusion hingeben, durch mein Tun dieses Dorf auch mit zu gestalten. Ohne ein Rückmeldung ist dies allerdings auf die Dauer frustrierend. Doch schon allein die Betrachtung der Statistiken meines Blogs zeigen mit, hallo – da ist doch jemand, der sich für meine Gedanken interessiert. Schön – es stellt sich bei mir ein Gefühl von Zufriedenheit ein.

Ja, mein lange Zeit depressives Leben bekommt plötzlich einen Sinn. Und ich sitze auch nicht mehr allein in meinen vier Wänden sondern kommuniziere über Programme in Videokonferenzen mit fremden Menschen in fernen Kontinenten (und das noch dazu kostenlos!).

Doch virtuell bleiben diese Freundschaften auch weiterhin. Ich spaziere nicht in Ghana über die Straßen, sehe die Marktstände und die vielfältigen Menschen und spüre dabei die Hitze, höre das Lärmen oder entwickle ein Gefühl für Ghana. Nein, ich habe Kontakt mit Menschen aus Ghana und habe dabei doch mein Braunschweiger Standardgefühl im Kopf. Insofern kann ich nur virtuell mein Wohnzimmer über das Monitorfenster zur Welt verlassen. Dabei bietet mir mein Computer die Möglichkeiten einer fast unbegrenzten Kreativität. Ich kann meine vielfältigen Ideen in der unterschiedlichsten Form umsetzen, sei es in Form eines Videos, eines kleinen Comics, eines Artikels, eines Podcasts oder sogar einer kleinen Fernsehshow (Videostreaming). Ohne große Programmierkenntnisse bietet meine
Bit-Maschine immer neue Herausforderungen, die es gilt zu verwirklichen. Und hat man die Umsetzung erreicht, stellt sich ein Gefühl der Genugtuung ein. Plötzlich bin ich kein Loser mehr, sondern aktiver Part einer Gemeinschaft.

Kurz – ich möchte auf die Gefühle des Glücks, die mir mein Computer vermittelt, nicht mehr verzichten. Er ist dabei auch der Spiegel meiner Seele. Wenn ich ihn schlecht füttere, erhalte ich unzufriedene Ergebnisse. Und Glück und Zufriedenheit sind Werte, die bei den Menschen an erster Stelle der Wunschskala stehen.
Allerdings ist mir die virtuelle Welt meines Computers zu klein geworden. Diese Welt ist ein gewichtiger Teil – aber eben nicht alles. Ich habe auch begonnen, mich wieder in der realen Welt zu engagieren. Nur dort kann ich meine virtuell erworbenen Denkanstöße auch in aktives Handeln umsetzen. Der Kontakt mit anderen Menschen, die mir leiblich gegenüber stehen, aktiviert doch auch viele neue emotionale Ebenen, die die Bit-Maschine in keinster Weise befriedigen kann.

So beteilige ich mich schon viele Jahre an der Selbsthilfegruppe Angst und Depression. Da finde ich Menschen, die meine depressive Persönlichkeitsstruktur verstehen und denen ich mich auch nach so langer Zeit immer noch verbunden fühle. Ein Blick, ein Wort oder eine kleine Geste – und schon fühle ich mich an meine eigene Seele erinnert. Der Fluss der Neuankömmlinge reißt einfach nicht ab und über die Zeiträume ist die stetige Veränderung bei uns allen sichtbar. Alles bewegt sich fort und nichts bleibt, sagte schon der griechische Philosoph Heraklit in der Vorzeit – man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen…

Aber jeder Mensch ist eben Teil des Flusses und es bedarf schon einiger Anstrengungen, dieses Fließen auch bewusst zu erleben. Man braucht die Muße, um aus dem Alltagsgeschehen auszubrechen und diesen ständigen Strom betrachten zu können. Hat dieser Weg erst einmal mein Interesse geweckt, so gewinnt er eine eigene Dynamik. Eng verbunden ist dieser Weg mit dem Bestreben nach mehr Wissen. Ich betrachte dieses teilweise recht chaotische Treiben aus einer anderen Perspektive und möchte nun auch wissen, welche Ursachen zu diesem Zustand geführt haben. So lese ich jetzt nach vielen Jahren wieder Bücher über Geschichte und Gedanken der Menschheit. Langsam entsteht aus den vielen Mosaiksteinen ein Gesamtbild, dessen Transparenz mich auch im Alltag begleitet.
Auch unsere kleine Philosophiegruppe, angeleitet durch einen gestandenen Philosophieprofessor, trägt das Ihrige dazu bei. Aber nicht allein das Wälzen von Fakten bringt eine Veränderung des Flusses, es ist die emotionale Verarbeitung des Wissens mit den anderen Teilnehmern, die in die Tiefe geht und seine Wirkung zeigt. Der Mensch ist eben doch ein soziales Wesen und nur im Austausch mit anderen kommt er zu seiner wahren Bestimmung.

II.

Worauf kommt es im Leben an? Ich habe nicht vor, jetzt den Zeigefinger zu erheben und eine Moralpredigt zu halten. Das habe ich schon in unserer Selbsthilfegruppe gelernt: die Schritte zu einem erfüllten selbstbewussten Leben kann ich nur selbst in mir finden. Ratschläge sind dabei gut, doch ich entscheide selbst, was ich für mich davon annehmen kann. Nur eines ist dabei sehr wichtig: meine Entscheidung!

Ja, ein Jeder muss sich entscheiden, Verantwortung für sich zu übernehmen. Auch wenn ich dieses Wort „muss“ hasse, in diesem Fall ist es wirklich angebracht. Denn ohne die Verantwortung für uns selbst können wir auch keine Verantwortung für Andere übernehmen. Erst nach Akzeptanz dieser Wahrheit als Notwendigkeit erhalten wir auch die Freiheit, uns für Andere einzusetzen. Das ist aber mitunter gar nicht so einfach.

Ich will ein Beispiel nennen: wenn mich meine sozialen Ängste daran hindern, mich zu entfalten, selbstbewusst aufzutreten oder soziale Kontakte zu gestalten, dann beginne ich zu üben. So habe ich mich bereit erklärt, an einem Infostand teilzunehmen, der sich jede Woche direkt in der Innenstadt aufbaut. Ich gehe dort bewusst auf andere Menschen zu und versuche, soziale Kontakte zu knüpfen. Dabei möchte ich mich so einbringen wie ich bin, mit meinen Ängsten, Fantasien und Fähigkeiten. Diese Akzeptanz meines Selbst ist anfangs ein schierer Widerspruch: mit meinen Ängsten und Unsicherheiten auf andere Menschen zugehen? Doch meine Erfahrung hat mich überzeugt: durch das ständige Üben werden die Ängste kleiner und meine Sicherheit nimmt zu. Ja, es gelingt mir nach einiger Zeit sogar, die Gefühlslage der anderen Menschen zu deuten und auf ihre Bedürfnisse einzugehen (zumindest zum Teil).

Dieser Prozess des Übens setzt voraus, dass ich bereit bin zur Tat, bereit bin, mich auf eine Aktion einzulassen. Nur so lassen sich meine Schwierigkeiten angehen und ich kann sie überwinden. Wie in dem schönen Sprichwort: „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt…“ Im Prinzip ist das auch die Grundlage jeder Verhaltenstherapie.

Habe ich erstmal mein eigenes Verantwortungsgefühl für mich übernommen, und ich merke, wie es mir besser geht, dann gelange ich auch schnell zu der Frage der globalen Verantwortung. Ich bin nur ein Teil des globalen Ganzen, ein Teil der Menschheit und mein Glück wie auch das Glück der anderen stehen in einem engen Zusammenhang. Letztendlich ist mein individuelles Wohlbefinden abhängig von einem gesunden globalen Verantwortungsgefühl aller. Ich erkenne, dass nicht mehr nur mein Ego im Mittelpunkt der Welt steht, sondern auch meine Anteilnahme am Wohlbefinden Anderer.

Das obige Beispiel mit dem Infostand hat mir auch gezeigt, dass meine durch Übung erworbene Einfühlsamkeit mir auch Zufriedenheit verschafft. Diese Einfühlsamkeit bedeutet die Unterschiedlichkeit zwischen uns zu akzeptieren und Toleranz zu üben. Damit ist aber kein „Helfersyndrom“ gemeint – ich verliere mich nicht beim Helfen. Ich bleibe bei mir und versuche, mich solidarisch zu verhalten. Ich übernehme meine Verantwortung gegenüber einem Anderen in dem Bewusstsein, dass jeder ein Anrecht auf Selbstverwirklichung und Wohlbefinden hat. Dabei geht es auch um ein Abwägen der eigenen Bedürfnisse mit Anderen.

Dieser Prozess setzt in mir eine Dynamik frei, die es mir erlaubt, immer weitere neue Tätigkeitsfelder zu erschließen. Und auch in unserer Selbsthilfegruppe erlebe ich diese Dynamik immer wieder – hat man das Boot erstmal bestiegen, fährt es von allein weiter.
Neben unserer Selbsthilfegruppe kümmere ich mich auch um andere Mitglieder am Rande unserer Gesellschaft – Behinderte, Alte, Alkoholiker, psychisch Kranke. Diese Zuwendung erachte ich mittlerweile als selbstverständlich für mich.

Es ist eine neue Ethik, die ich versuche bei mir umzusetzen: ich möchte ein mitfühlender Mensch sein, der die Gleichgültigkeit gegenüber Anderen aus tiefstem Herzen ablehnt. Ich habe erkannt, meine Bedürfnisse hängen auch von den anderen ab. Ohne gegenseitige Rücksicht ist ein soziales Überleben auf dieser Erde nicht möglich.

III.

Schau ich auf GAIA (=Mutter Erde) in der Nacht (und auch bei Tag), so bin ich um den Schlaf gebracht…

Diese Welt ist im geschichtlichen Lauf ihrer Widersprüche, welche vor allem der Mensch zu verantworten hat, an einem Wendepunkt angelangt. So wie bisher geht es nicht mehr weiter. Sowohl im nationalen wie auch im internationalen Rahmen sind wir an einem „point of no return“ angekommen. Die Ungleichgewichte zwischen reich und arm im nationalen wie internationalen Rahmen haben Dimensionen angenommen, die sich mit meiner oben beschriebenen Ethik nicht in Einklang bringen lassen. Menschen haben sich aus der Gemeinschaft entfernt und frönen einer ungebrochenen Besitzstandsgier, neiden sich gegenseitig ihre Reichtümer. Große Teile der Gesellschaften haben auf Grund der Besitzstrukturen keinen Zugriff auf lebensnotwendige Ressourcen. Sei es nun der Nord-Süd-Konflikt zwischen entwickelten und in der Entwicklung befindlichen Staaten oder auch nur die alleinerziehende Hartz-IV-Empfängerin mit ihren Kindern: der Widerspruch in der Befriedigung ihrer Bedürfnisse ist – so scheint es – unlösbar.

Neben dem Besitz über die Maschinen und der damit verbundenen abhängigen Arbeit geht es bei diesem Widerspruch auch um Bildung und andere gesellschaftliche Medien, die das öffentliche Bewusstsein prägen. Ich bin der Meinung, ein jeder ist sein eigener Philosoph, aber seine Erkenntnis kann er nur in soweit erreichen, wie er auch über die nötige Bildung, die für den Prozess der Bewusstwerdung nötig ist, verfügt. Und in diesem Bereich herrschen die alten überkommenen Mächte, die sich nicht auf eine neue Ethik im sozialen Sinne einlassen. Sie haben etwas zu verlieren, ihre Macht und ihre Besitztümer.

Versuchen wir doch, ein globales Verantwortungsgefühl im Allgemeinbewusstsein des Normalbürgers zu verankern! Eine Philosophie des unbegrenzten Wachstums ist in unserer heutigen Zeit unverantwortlich. Die Verfügbarkeit der fossilen Rohstoffe ist begrenzt. Es gilt, neue erneuerbare Energietechniken mit Hochdruck zu entwickeln, um die sich abzeichnende Klimakatastrophe vielleicht noch abzuwenden. Den Irrsinn der atomaren Abschreckung mit all seinen Gefahren für die Menschheit ist zu beenden. Im Rahmen des globalen Verantwortungsgefühls müssen wir uns von der Ideologie eines „nach mir die Sintflut…“ verabschieden. Neue Ideen sind zur Bewältigung unserer heutigen Sintflut zu berücksichtigen. Wer in Gleichgültigkeit verfällt, der macht sich eines Verbrechens an der Zukunft und unseren Kindeskindern schuldig. Ehrlichkeit über unsere Situation ist dabei unabdingbare Voraussetzung.

Deutlich sollte das „Sein“ in den Mittelpunkt unseres Bewusstseins gerückt werden und nicht das „Haben“. Genügsamkeit wird in Zukunft eine unabdingbare Notwendigkeit sein. Damit ist aber nicht eine Genügsamkeit in den sozialen Strukturen gemeint. Hier gilt es, das Wohl jedes Einzelnen in der Gemeinschaft im Auge zu behalten – im Sinne eines Gemeinwohls – und zu große Differenzierungen zu vermeiden.

Der Mensch im Kapitalismus erlebt sich als vereinzeltes Wesen. Auf dem Arbeitsmarkt muss er Leistungen vollbringen, was ihn in Konkurrenz zu anderen setzt. Die Welt erscheint ihm als ein Sammelsurium von Waren, die er sich für seine Leistungen aneignen kann. Und dieses Konsumieren erscheint ihm als einziges Gut, was erstrebenswert ist. Doch eine echte wahre Befriedigung erlangt er dabei nicht. Er lebt in seinen vier Wänden und schaut kaum über den Tellerrand hinaus – und das trotz Fernsehen und Internet. Oder haben diese Medien schon einmal einen Konsumenten mit globalem Verantwortungsbewusstsein ausgestattet?

Informationen zur Lage der Menschheit bekommt man in Massen, doch was fehlt ist die bewusste Verarbeitung, die emotionale Anteilnahme, die schließlich zur Tat und damit der Veränderung führt. Es gilt auch von der Vereinzelung und der damit oft verbundenen mechanistischen und zufälligen Weltsicht zu einer globalen Sicht zu kommen – die Erde als Ganzes sehen. Nicht der Mensch herrscht über die Erde, wie uns einige Gentechniker glauben machen wollen, sondern der Mensch ist Teil der Natur, wie sie sich in der Gestalt der Erde zeigt.

Ob wir die neuen Ideen nun Sozialismus oder Zukunft oder Utopismus nennen, ist eigentlich schnurz. Getragen von einer neuen globalen Ethik ist jede neue Idee bei der Lösung der globalen Situation sinnvoll und hilfreich. Entscheidend jedoch ist der qualitative Sprung von der Idee dann auch zur Tat. Und ich hoffe auf viele neue Aktivisten, die auch bereit sind, mit neuem globalen Verantwortungsgefühl sich auf der politischen Bühne zu engagieren.

„Adieu“, sagte der Fuchs.
„Hier mein Geheimnis.
Es ist ganz einfach:
man sieht nur mit dem Herzen gut.
Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“
(Antoine de Saint-Exupery)

Hier der Artikel als PDF: Der Tanz der Seele

CIAO Hans

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Felicia Langers leidenschaftliches Plädoyer für die Menschlichkeit in Palästina…

(Klick auf Foto zeigt Kommentar an…)
Felicia Langer – 80jährig, Jüdin – war zu Besuch bei dem Deutsch-Palästinensischen Verein in der TU Braunschweig. Dabei hielt sie ein leidenschaftliches Plädoyer für die Menschenrechte der Palästinenser. Nach dem Jurastudium verteidigte sie viele Palästinenser in Israel als Rechtsanwältin und erhielt für ihren engagierten Einsatz bereits viele Auszeichnungen: den alternativen Nobelpreis, eine Ehrung der Bruno-Kreisky-Stiftung sowie 2009 das Bundesverdienstkreuz ersten Grades.

Ihr Credo: „Wenn das Unrecht so offensichtlich ist wie das Leid der Palästinenser, dann darf man nicht schweigen!“ Nach ihrer Meinung ist ein Frieden im Nahen Osten nur möglich, wenn die Juden ihre Schuld bei der Vertreibung der Palästinenser anerkennen und das Menschenrecht einer Rückkehr der Palästinenser in ihre Heimat akzeptieren. Felicia Langer betrachtet sich als eine Augenzeugin der israelischen Besatzung. Israel trete das Völkerrecht mit Füßen, doch es gäbe auch ein anderes Gesicht, das Gesicht des Volkes. Hautnah erlebte Felicia die Enteignung der Palästinenser in Ost-Jerusalem. Die Siedlungen der Juden in den besetzten Gebieten gehen trotz vielfältiger internationaler Apelle weiter.
„Der Inbegriff von Gewalt ist die Besetzung“, so Felicia.

In den von Israel besetzten Gebieten wird die Bewegungsfreiheit der Palästinenser massiv beschränkt – durch Mauer, Checkpoints, Auflagen. Auf manchen Straßen heißt es „Nur für Juden!“ was fatal an die Vergangenheit erinnert, wo es „Nicht für Juden!“ hieß. Felicia zitierte Texte eines Südafrikaners, in denen die Situation in Israel schlimmer als im Apartheidsregime Südafrikas dargestellt wurde. In ihren Augen entwickelt sich Israel immer mehr zu einer Ethnokratie für die Juden.

In ihrem Vortrag, der trotz ihrer leichten Erkältung viel Leidenschaft auf die Zuschauer überspringen ließ, spürte der Zuhörer etwas von der Verzweiflung der Palästinenser. Die Israelis berufen sich auf Abraham, dem in grauer Vorzeit Land für die Juden versprochen wurde, doch das international anerkannte Völkerrecht haben sie noch nie beachtet.

Israel und Deutschland – eine Freundschaft, die durchaus vorbelastet ist. Der Holocaust ist eine Bürde. Doch die Funktionalisierung des Antisemitismusbegriffs durch Israel in der Nahost-Debatte ist untauglich.

Es stellt sich die entscheidende Frage: „Wie können wir Deutschen mit unserer Vergangenheit Israel kritisieren?“

Felicia Langer meint, die Deutschen hätten schon einmal geschwiegen – mit schwerwiegenden Konsequenzen: Hitler kam an die Macht… Kann man in dem Schweigen eine Mittäterschaft sehen?
Heute sollten auch die Deutschen zu Israel nicht schweigen.

Freundschaft mit Israel – JA. Doch es sollte dabei eine gegenseitige kritische Freundschaft sein!

Ihrem Plädoyer kann ich mich nur anschließen…

CIAO Hans

PS: Felicia Langer in Wikipedia
… zur weiteren Vertiefung ein Video mit einem Interview des Historikers Ilan Pappe zur Besatzungspolitik Israels 1947 (Nakba) hier
Impressionen einer Reisegruppe im Westjordanland (pax Christi und IPPNW)

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Fritz Bauer – Kämpfer für die Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen…

„Es gab in Deutschland nicht nur den Nazi Hitler und den Nazi Himmler… Es gab Hunderttausende, Millionen anderer, die das, was geschehen ist, nicht nur durchgeführt haben, weil es befohlen war, sondern weil es ihre eigene Weltanschauung war. Leute, die ihren eigenen Nationalsozialismus verwirklichten…“, sagte Fritz Bauer. Auch sie waren Täter. Sie konnten sich nicht einfach auf Befehlsnotstand berufen. Und: Sie hätten Nein sagen können zur Mithilfe bei den Massenmorden.

Diese Frage, was geschah damals nach dem Tag der Befreiung vom Faschismus mit den Tätern, wie wurden sie von der Justiz zur Rechenschaft gezogen, war eine zentrale Frage der 68er Bewegung und wird auch bis heute diskutiert.

Mich interessiert dabei besonders die Frage: wie ging die Justiz in Braunschweig mit den Nazi-Tätern um?

Sehr viele Informationen fand ich bei Werner Sohn in seinem Buch „Im Spiegel der Nachkriegsprozesse: Die Errichtung der NS-Herrschaft im Freistaat Braunschweig„, herausgegeben vom Arbeitskreis Andere Geschichte e. V., Braunschweig. Die Situation der Justiz in Braunschweig nach Kriegsende und auch die NS-Ermittlungsverfahren und NS-Prozesse in der Nachkriegszeit werden beschrieben. Die Schilderung der einzelnen Gerichtsprozesse ist erschütternd. Einen kleinen Eindruck von Einzelschicksalen bekommt man auch auf der Website NS-Spurensuche im Lande Braunschweig.

Eine besondere Rolle nach der Ausrufung des Ausnahmezustandes in Deutschland infolge des Reichstagsbrandes spielte auch in Braunschweig die Errichtung der nazistischen „Hilfspolizei“. Die reguläre Polizei hatte diese „Hilfspolizisten“ massiv unterstützt. Mittels ihrer „SCHUTZhaftbefehle“ wurden so auch in Braunschweig tausende politische Gegner verhaftet, gefoltert und getötet. Mindestens 26 Menschen wurden in Braunschweig umgebracht. Ja diese „SA-Hilfspolizei“ führte auch Schnellgerichte durch (z.B. 1933 AOK), ohne dass sich die Justiz dagegen stellte.

Dieses Unrecht galt es nach 1945 aufzuarbeiten.

Zunächst stand Braunschweig nach den Nürnberger Prozessen gegen die Hauptkriegsverbrecher 1945 unter dem vom Alliierten Kontrollrat in Deutschland beschlossenen Kontrollratsgesetz Nr. 10, das Verbrechen gegen die Menschlichkeit ahnden sollte. Die Oberlandesgerichte sollten diese Aufgabe übernehmen.
1949 nahm der Bundestag seine Arbeit auf und erließ das Straffreiheitsgesetz vom 31.12.1949. Allen wurde Amnestie zugesprochen, deren Straftaten vor dem 15. September 1949 begangen worden waren und deren Strafmaß geringer war als 1 Jahr Gefängnis oder 5.000 DM Geldstrafe.
Das Grundgesetz regelte schließlich im Artikel 131 im Jahre 1951 die Rechtsverhältnisse der Personen, die am Tag der Kapitulation am 8. Mai 1945 im öffentlichen Dienst gestanden hatten. Ehemalige Beamte konnten damit wieder in ihre Rechte eintreten, die sie im „Dritten Reich“ erworben hatten.

Interessant ist eine Tabelle über NS-Verfahren beim Landgericht Braunschweig in der Zeit von 1945 bis 1961:

Urteile des Landgerichtes Braunschweig

Die meisten Verfahren gab es dabei in den ersten Nachkriegsjahren. Über 90 Prozent der bis 1964 rechtskräftig gewordenen Urteile waren bereits bis Ende 1953 ergangen (siehe Sohn: die Errichtung…).

Im Braunschweiger Landgericht gab es drei Zeitabschnitte: August 1945 bis Mai 1948 Tätigkeit des Generalstaatsanwaltes Curt Staff (noch unter britischer Kontrolle fanden mehr als 1.500 Ermittlungsverfahren wegen NS-Verbrechen statt), Juni 1948 bis Juli 1950 war die Braunschweiger Generalstaatsanwaltschft nicht besetzt (viele Verfahren wegen des Straffreiheitsgesetzes von 1949 (s.oben) nicht weiter verfolgt), August 1950 bis Februar 1956 abeitet Fritz Bauer als Generalstaatsanwalt im Braunschweiger Landgericht.

Fritz Bauer hatte in Braunschweig einen schweren Stand: viele Richter und Staatsanwälte, die schon im „Dritten Reich“ in der Justiz tätig waren, sahen im Nationalsozialismus eine „legitime Diktatur“. Sie sahen die „Schutzhaft“ als rechtmäßig an und verfolgten nur die Misshandlungen während der „Schutzhaft“. Fritz Bauer sah dies anders:


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Fritz Bauer war im April 1933 von der Gestapo verhaftet worden und an das KZ Heuberg und später in die Strafanstalt Ulm verbracht worden. Nach der Entlassung Ende 1933 floh er 1936 nach Dänemark und ging 1943 ins Exil nach Schweden. 1949 kehrte er nach Deutschland zurück und wurde zunächst Landgerichtsdirektor und im August 1950 bis Februar 1956 war er Generalstaatsanwalt am Landgericht Braunschweig.

Er leitete 1952 die Anklage im Remerprozess (wodurch er die Anghörigen der Attentäter des 20. Juli 1944 rehabilitierte). Auch spielte er eine wichtige Rolle bei der Ergreifung Adolf Eichmanns, dem „Buchhalter der Endlösung“, durch den israelischen Mossad.

Fritz Bauer war Anklageerheber in den Auschwitz-Prozessen 1963 bis 1965, die ohne ihn nicht denkbar gewesen wären.

In seiner Zeit als hessischer Generalstaatsanwalt setzte er sich für eine Humanisierung des Strafvollzuges ein. Die Notstandsgesetze von 1968 sah er als eine irreperable Wende zum autoritären Staat.

Nach immer größer werdender Isolation im Justizapparat verstarb Fritz Bauer am 30. Juni 1968 unter ungeklärten mysteriösen Umständen. Eine genaue Untersuchung seines Todes (Obduktion) wurde damals nicht von der Staatsanwaltschaft eingeleitet.

Jetzt hat Ilona Ziok einen Film über das Wirken von Fritz Bauer zusammengestellt, der vielseitige Beachtung findet. Die Würde des Menschen ist unantastbar - sie zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt

In Braunschweig geht das am Landgericht eingemeißelte Zitat „Die Würde des Menschen ist unantastbar – sie zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“ auf die Initiative von Fritz Bauer zurück.

Fazit: Fritz Bauer war einer der profiliertesten Juristen, den die Bundesrepublik hatte. Auch mit Braunschweig bleibt sein Name eng verbunden. Es wäre höchste Zeit, dass sich auch Braunschweig auf diesen standhaften Menschen besinnt. Die Bennung einer Straße oder eines Platzes in Braunschweig nach seinem Name wäre angebracht!

„Die Bewältigung unserer Vergangenheit heißt Gerichtstag halten über uns selbst…“(Fritz Bauer)

PS: Hier ein Vortrag von Dr. Hans-Ulrich Ludewig (PDF) am 16. Mai 2002 im Landgericht Braunschweig.
Ich fand in der Stadtbibliothek sein gutes Buch, das die Justiz der Sondergerichte in Braunschweig ausführlich beschreibt – Hans-Ulrich Ludewig, Dietrich Kuessner: „Es sei also jeder gewarnt“, Das Sondergericht Braunschweig 1933-1945, Selbstverlag des Braunschweigischen Geschichtsveins, 2000 (ausführliche Urteilsbeschreibungen, Schicksale, Biographien der Sonderrichter, …), Inhaltsverzeichnis, derzeit vergriffen (siehe Amazon) oder alternativ ZVAB

Die Gedenktafel an dem ehemaligen Wohnhaus von Fritz Bauer in der Jasperallee 27 wurde wieder angebracht:

Platzbenennung nach Fritz Bauer

Platzbenennung nach Fritz Bauer

CIAO Hans

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Stolpersteine – gegen das Vergessen…

„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ …

…und damit dies nicht geschieht, startete der Kölner Künstler Gunter Demnig 1995 sein Projekt „STOLPERSTEINE“. Bundesweit und auch in den angrenzenden Ländern sollte der Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gedacht werden.

Gestern besuchte ich eine Veranstaltung des Fördervereins für Braunschweig. Am 9. März 2006 wurden im Rahmen einer öffentlichen Gedenkfeier die ersten Stolpersteine verlegt. Mittlerweile erinnern 135 Stolpersteine an das Schicksal der Braunschweiger Juden. Vor der Zeit des Nationalsozialismus lebten 1.200 Juden in unserer Stadt, 1938 waren es 638 und im Mai 1945 nur noch sehr einige wenige. Die bewegte Geschichte der Juden in Braunschweig begann im Jahre 1282. Wikipedia gibt eine gute Zusammenfassung ihrer Geschichte.

Im Roten Saal des Schlosses berichteten Schüler der 10.Klassen der John-F.-Kennedy-Realschule und der Nibelungen-Realschule in ihren Präsentationen über die Schicksale der Familien Spanjer-Herford und Meyer. Anschaulich wurden die stets zunehmenden Einschränkungen der Juden in Braunschweig vorgetragen, die schließlich die Familen zur Auswanderung zwangen. Die Schüler hatten sich im Rahmen eines Projektes mit diesen Familien beschäftigt und – soweit zugänglich – Fakten zusammengetragen. Es gelang ihnen auch, Briefkontakt mit einem der letzten Angehörigen der Familie Meyer zu bekommen. Er schrieb bewegende Worte (sogar ein Gedicht). Die Stolpersteine für die Familien sollen an ihrem letzten frei gewählten Wohnort in einigen Monaten verlegt werden. Zu diesem Festakt haben sich auch Familienangehörige aus den USA angemeldet.

Ich finde es sehr wichtig, bei jungen Schülerinnen und Schülern die Erinnerung an das Leid der Braunschweiger Juden wach zu halten. Nur wenn sie sich z.B. im Rahmen eines Projektes mit diesen Geschehnissen auseinandersetzen, begreifen sie, wie wertvoll unsere demokratischen Werte sind.

Mittlerweile sind in 97 deutschen Städten über 6.000 Stolpersteine verlegt worden.

NEU-TV: Upcoming TV-Feature: Person: „Gunther Demnig“ from CNHBorner on Vimeo.

Die Aktion „Stolpersteine für Braunschweig“ wird unterstützt von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Evangelischen Erwachsenenbildung Braunschweig, Evangelische Probstei Braunschweig, Friedenszentrum Braunschweig e.V., Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Niedersachsen-Ost e.V. und der Jüdischen Gemeinde Braunschweig.

CIAO Hans

PS(Hinweis eines Lesers): Der gewerkschaftlichen, sozialistischen, sozialdemokratischen oder gar noch der kommunistischen Opfer wollte man ursprünglich in Braunschweig absichtlich NICHT in dieser Form gedenken. Es gibt daher bisher auch nur eine Ausnahme!

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Ein Besuch in der Zentralen Aufnahmestelle für Asylsuchende…

Das Asylrecht für politisch Verfolgte ist in Deutschland ein im Grundgesetz verankertes Grundrecht. Die Änderung des Art. 16a GG im Jahr 1993 („Asylkompromiss“) schränkte es erheblich ein: insbesondere können sich Ausländer, welche über einen Staat der Europäischen Gemeinschaften oder einen sonstigen sicheren Drittstaat einreisen, nicht auf das Asylrecht berufen. Die Anerkennungsquote nach Art. 16a GG ist entsprechend gering.
Inhaltlich wird das Asylrecht durch das Aufenthaltsgesetz (früher: Ausländergesetz) konkretisiert.

Wessen Leben oder Freiheit wegen seiner Rasse, Religion, Staatsangehörigkeit oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe einschließlich des Geschlechts oder wegen seiner politischen Überzeugung durch einen Hoheitsträger (Staat, eine Partei oder durch eine sonstige Organisation, welche auf dem Staatsgebiet oder auf Teilen desselben Hoheitsgewalt ausübt) bedroht ist, genießt ein Recht auf Asyl.

Die Zahl der Asylanträge ist in den letzten Jahren zurückgegangen: wurden 2003 noch 50.500 Anträge gestellt, so ging die Zahl 2008 auf insgesamt nur 22.085 Menschen, die einen Asylantrag in Deutschland stellten, zurück. Das ist eine der niedrigsten Antragszahlen der letzten 20 Jahre.

Wie sich die Asylbewerber auf Deutschland verteilen zeigt folgende Grafik:

Verteilung Asylbewerber 2009

Verteilung Asylbewerber 2009

Niedersachsen unterhält für diese Personenkreise an den Standorten der Zentralen Aufnahme- und Ausländerbehörde Niedersachsen (ZAAB NI) in Braunschweig und Oldenburg zwei Aufnahmeeinrichtungen. Die ZAAB Oldenburg mit ihrer Außenstelle in Bramsche-Hesepe verfügt über insgesamt etwa 1.100 Plätze für Asylbewerberinnen und -bewerber, die derzeit zu rund 90 Prozent belegt sind. Rund 160 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterschiedlicher Fachrichtungen sind dort beschäftigt. Braunschweig verfügt über 550 Plätze, wobei z.Z. 517 belegt sind. Während in Niedersachsen der überwiegenden Teil der Asylsuchenden in zugewiesenen Wohnungen lebt, dient der Stadt Braunschweig derzeit nur die ehemalige Husarenkaserne als Unterbringung.

Ich durfte mir die ZAAB in Braunschweig mit einigen anderen Interessierten während einer Führung näher anschauen. Also warteten wir zunächst vor dem hohen Zaun auf unsere Gruppenleitung. Ohne Genehmigung kann man die Asylunterkunft nicht besuchen (es sei denn, man will eine bestimmte Person besuchen, die dann vom Pförtner angerufen wird und ihre Zustimmung geben muss). Der hohe Zaun diene auch zum Schutz der Asylsuchenden, wurde uns gesagt. Der Komplex machte einen sauberen Eindruck, wenn auch die renovierten Kasernenbauten auf mich sehr steril wirkten. Menschen waren kaum zu sehen. Wir wurden auch aufgefordert, keine Fotos von Personen zumachen, um deren Schutz nicht zu gefährden. Eine Busanbindung an die Unterkunft ist gegeben.

Kommt jemand mit einem direkten Asylantrag an die ZAAB-Braunschweig, so wird ihm ein Zimmer zugewiesen mit Bett, Stuhl und Schrank. Meldet sich ein Asylsuchender schon bei der Grenzbehörde, leitet sie ihn an die nächstgelegene Erstaufnahmeeinrichtung weiter, deren Einrichtung und Unterhaltung dem jeweiligen Bundesland obliegt. Sofern sich ein Ausländer erst im Inland als Asylsuchender zu erkennen gibt, wird er ebenfalls zunächst an die nächstgelegene Erstaufnahmeeinrichtung verwiesen, erkennungsdienstlich behandelt und dort untergebracht. Mit Hilfe des bundesweiten Verteilungssystems EASY (Erstverteilung von Asylbewerbern) wird dort die für seine Unterbringung zuständige Erstaufnahmeeinrichtung ermittelt. Dies gilt allerdings nicht, wenn bei ihm nach § 18 Abs. 2 AsylVfG die Voraussetzungen für die Verweigerung der Einreise vorliegen, etwa weil er aus einem sicheren Drittstaat einreist.

Was passiert nun in Braunschweig nach der Aufnahme? Am 1.Tag erhält der Asylbewerber eine Einführung durch den Tagesdienst. Der Sozialdienst nimmt Kontakt auf. Am 2.Tag muss der Asylbewerber zum Gesundheitsamt, um etwaige Krankheiten wie Lungentuberkulose, Geschlechtskrankheiten oder auch Folgen von Folter zu erkennen. Danach folgt der Weg zum Sozialamt. Ein Asylbewerber hat Anspruch auf ein monatliches Taschengeld von 40,90€ (Kinder 20,45€). Daneben kann er Bedarfsgutscheine in Höhe von 15,34€ beantragen (z.B. für Kleidung). Er kann sich an gemeinnütziger Arbeit im Aufnahmelager beteiligen (4 Stunden täglich) und erhält dafür pro Stunde 1,05€.
Der Asylbewerber hat Anspruch auf ausreichende Gesundheitsversorgung. Zwei Ärzte aus der Umgebung versorgen die Bewohner zweimal wöchentlich. Die Johanniter sind vor Ort. Wenn größere Gesundheitsmaßnahmen notwendig sind, erfolgt eine amtsärztliche Untersuchung.
Viele Bewohner wohnen mit ihren Familien in den Zimmern. Die Kinder werden vormittags betreut und schulpflichtige Kinder fahren mit dem Bus in die nächsten Schulen.
Die Verweildauer der asylsuchenden Personen schwankt zwischen 3 Monaten und 5 Jahren.

Die Entscheidungen zur Anerkennung politisch Verfolgter fällt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Nürnberg, mit verschiedenen Außenstellen. Lehnt das BAMF einen Asylantrag ab, kann der Flüchtling dagegen vor dem Verwaltungsgericht klagen. Meist ist er dabei auf die Hilfe eines Rechtsanwaltes angewiesen, der sich im Asylrecht gut auskennt. Sollte sich der Asylsuchende einen Anwalt suchen, muss er die Kosten selbst tragen. In den letzten zehn Jahren erhielten im Schnitt 5% der Asylsuchenden vom BAMF Schutz nach dem Grundgesetz, 8% wurden als GFK (Genfer-Flüchtlings-Konvention)-Flüchtlinge anerkannt. Beide Gruppen erhalten ein Aufenthaltsrecht zunächst für drei Jahre und weit gehende soziale Rechte. Erst danach entscheidet sich, ob sie dauerhaft bleiben dürfen.
Durchschnittlich 85% der Asylanträge werden abgelehnt. Die Betroffenen müssen die Bundesrepublik verlassen. Wenn sie aber nicht reisefähig sind, kein Pass für eine Rückkehr vorliegt oder die Situation im Herkunftsland eine Rückreise nicht zulässt, erhalten sie eine Duldung, bis die Abschiebung möglich ist.
An den Plakaten in der ZAAB konnte man sehen, dass die Förderung der freiwilligen Rückkehr von Ausländern ohne Bleibeperspektive in Deutschland angestrebt wird.

Weiterführende Links:
Refugium – Flüchtlingshilfe Braunschweig e.V.
Pro Asyl
Flüchtlingsrat Niedersachsen
amnesty international
Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) – Asylverfahen

PS: Die ZAAB Braunschweig nimmt keine Kleiderspenden an, dafür aber Sachspenden wie Kinderspielzeug.

CIAO Hans

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Die Menschenrechte sollten universell gelten!

Morgen am 10.Dezember feiern wir den 61.Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Die Menschenrechte gelten als das von allen Völkern und Nationen zu erreichende gemeinsame Ideal, damit jeder einzelne und alle Organe der Gesellschaft sich frei entfalten können.

Sie betreffen Kinder, Frauen und Männer, Behinderte und Flüchtlinge – Menschen in den Industrieländern wie in den Entwicklungsländern.

Keiner hat das Recht, den Begriff “Menschenrechte” für sich in Anspruch zu nehmen und es als politische Waffe gegen die Unterdrückten dieser Welt einzusetzen.

Zur Geschichte der Menschenrechte und Bezug nehmend auf den Bericht von Amnesty International zur weltweiten Lage der Menschenrechte (Report 2009) habe ich eine kleine Zusammenfassung verfasst.

Klickt einfach auf das Bild…

Die Geschichte der Menschenrechte

Die Geschichte der Menschenrechte

Wir sollten alle stets wachsam sein und für diese Menschenrechte einstehen!

Es gibt auch bei uns noch viel zu tun – z.B. die Gleichstellung der Frauen oder gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Alles aufzuführen, ergäbe eine lange Liste von den Schwulen bis zum Hunger in den ärmsten Ländern…

Wer sich engagieren möchte, schaue im Internet nach. Es gibt vielfältige Organisationen, die sich für die Einhaltung der Menschenrechte stark machen.

Hier eine kleine Präsentation in Englisch:

CIAO Hans

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