Video: Braunschweig 1913 – „Belle Epoque des Hochadels“ oder „Tanz am Abgrund“ …

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Braunschweiger Zeitung vom 31.1.2013:
Von Andreas Matthies (Der Autor ist Historiker. Er unterrichtet Geschichte am Humboldt-Gymnasium in Gifhorn)

Die wachsende Verzweiflung eines Pazifisten
Trat 1913 wirklich eine Kriegs-Entwarnung ein? Hier irren Buchautor Florian Illies und Historiker Chrlstoph Stölz

Im Mai 1913 fand in Berlin die Fürstenhochzeit zwischen Viktoria Luise und Ernst August statt, die dann ein halbes Jahr später als Herzogspaar in Braunschweig einzogen. War die prunkvolle Hochzeit nun wirklich der „Tanz am Abgrund“ des schon absehbaren Weltkrieges? Oder war 1913 die weitere Entwicklung in Wahrheit noch nach allen Seiten offen?
Professor Christoph Stölzl, von der Stadt als spiritus rector des Kulturprojektes 2013 eingesetzt, vertritt diese Position. „1913 waren die ins Gute, Friedliche weisenden Tendenzen genauso stark – wenn nicht viel stärker! – als die Vorzeichen der Katastrophe“, schreibt er schon im ersten Entwurf des Konzeptes. Damit setzt er sich in krassen Gegensatz zu den Historikern, die sich intensiv mit
dem Thema beschäftigt haben.

„Der Krieg ist nur noch eine Frage des Datums“

So Michael Stürmer, der die Atmosphäre in Deutschland im Jahr 1913 als „gewitterschwül“ bezeichnet und die außenpolitische Lage als „unheilschwanger“. Für Stürmer ist es klar, dass seit der Marokkokrise 1911 „der Ausbruch des Krieges nur noch eine Frage des Datums“ gewesen sei. In der europäischen Publizistik „gab es kein Thema von gleicher Faszination wie der künftige Krieg“. 1912/13 habe, Europa ein weiteres Mal am Rande des Weltkrieges gestanden, und „die Deutschen hielten den Schlüssel in der Hand, der ihn auslösen würde“. Schließlich habe der Kaiser im Dezember gegenüber höchsten Militärs des Reiches den Krieg als „auch für uns unvermeidlich“ bezeichnet.
In seiner Braunschweiger Neujahrsrede 2013 legte Stölzl nach. Zwar sei das Thema des künftigen Krieges tatsächlich öffentlich diskutiert worden, aber: „1913 dann aber Entwarnung; Renommierte Fachleute bewiesen in ihren Büchern, dass wegen der Kapital- und Wirtschaftsverflechtung einer globalisierten Welt ein europäischer Krieg schlichtweg unmöglich sein würde.“
Auf Anfrage, wer denn die renommierten Fachleute gewesen seien, gibt Stölzl zwei Schriften von Norman Angell an, das Werk „The Great Illusion“ und den „Brief an die deutsche Studentenschaft“; beide seien ausführlich referiert in dem Buch „1913“ von Florian Illies.
Tatsächlich findet sich bei Illies die Darstellung, der britische Publizist habe in seinem weit verbreiteten Buch „von 1911“ behauptet, es würde nie wieder zu einem Krieg kommen können; das Zeitalter der Globalisierung mache Weltkriege unmöglich. Und: „Angells These überzeugte die Intellektuellen der ganzen Welt.“
Diese Darstellung hat nur einen Nachteil: Sie ist völlig falsch. Schon ein kurzer Blick in Angells Hauptwerk zeigt das. Nehmen wir die deutsche Ausgabe („Die große Täuschung“, 1910 in Leipzig herausgekommen, das englische Original erschien schon 1909). Angell befürchtet die „Fortsetzung des blindrasenden Wettrüstens, die, wenn nicht eingedämmt, aller Wahrscheinlichkeit nach zum Krieg führen dürfte“.
Am Ende stellt er die rhetorische Frage „Sollen wir einen Kampf fortführen, Ozeane von Blut vergießend, Berge von Schätzen vernichtend, um etwas zu vollbringen, was im Grunde ein logischer Unsinn ist?“

Die starke Nation als grober Denkfehler

Er stellt fest, dass es in allen europäischen Ländern weit verbreitete Ansicht sei, „daß nationale Macht nationalen Reichtum bedeutet und nationalen Vorteil, daß Ausdehnung des Landbesitzes erweiterte Absatzmöglichkeit für industrielle Produkte sichert, daß die starke Nation den Bürgern Möglichkeiten der Entwicklung bietet, welche die schwache Nation zu bieten außerstande ist“.
Eben dieses „Axiom der internationalen Politik“ ist für ihn aber „ein grober, verzweifelter Denkfehler“, eine falsche Auffassung, die, „wenn wir uns nicht von diesem Aberglauben befreien, unsere ganze Zivilisation bedroht“. Eben eine „große Täuschung“. Denn Angell ist überzeugt, dass zumindest in Europa durch die fortschreitende Industrialisierung und die wachsenden Verflechtungen von Handel, Verkehr und Finanzen in den vorangegangenen drei, vier Jahrzehnten eine völlig neue Struktur entstanden sei, die einen Krieg auch für einen Angreifer nicht mehr lohnend mache, sondern diesen sogar selbst schädige. Er spielt verschiedene Fälle durch (z.B.: Deutschland besetzt England und plündert die Bank von England aus; der Freihafen von Hamburg wird von der britischen Flotte erobert und dem britischen Reich eingefügt) und geht den unterschiedlichsten Aspekten nach, um seine These zu untermauern.

Versuch, das erkennbare Unglück abzuwenden

Angell sieht aber die Gefahr, dass die Eliten wie die Völker dessen ungeachtet dem alten Denken verhaftet bleiben. Deshalb fordert er ein grundsätzliches Umdenken. Er fordert, dass dies in allen Ländern stattfinden muss, die sich auf den Krieg vorbereiten. Daher auch sein „Offener Brief an die Deutsche Studentenschaft“ von 1913, in dem er u.a. auf die „Cambridge University War and Peace Society“ verweist und eine ähnliche Organisation auch in Deutschland anregt. Nach Erscheinen seines Buches bildeten sich allein in Großbritannien 40 Clubs einer neuen Friedensbewegung.
Hätte Angell wirklich vertreten, dass ein neuer Krieg aus ökonomischen Gründen unmöglich sei, wäre all das schlicht überflüssig gewesen. Man könnte dann auch gar nicht erklären, wofür er 1933 den Friedensnobelpreis bekam. Sicher nicht für die Täuschung „der Intellektuellen der ganzen Welt“.
Angells Gedanken werden also bei Florian Illies unzutreffend wiedergegeben. Stölzl stützt sich auf diese falsche Darstellung. Angells Gedanken waren keine Entwarnung, sondern der zunehmend verzweifelte Versuch, das deutlich erkennbare Unglück des bevorstehenden Weltkrieges döch noch abzuwenden.

Andreas Matthies

CIAO Hans

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