Mütter Mutterliebe wird gelernt - sie muß wachsen wie jede Beziehung. Sie ist nicht selbstverständlich und schwankt zwischen den Polen Überbehütung und Vernachlässigung.

Bis in das 17.Jahrhundert waren die Eltern an ihren jungen Kindern weitgehend desinteressiert. Man führt dies auf die hohe Kindersterblichkeit von bis zu 25% zurück. Die Gefahr war zu groß, daß das geliebte Objekt frühzeitig sterben könnte. Umgekehrt kann man natürlich fragen, ob nicht ein großer Teil der Kinder deshalb gestorben ist, weil sich die Mütter nicht für sie interessierten. Der Tod eines kleinen Kindes wurde als ein banaler Zwischenfall empfunden, der durch eine spätere Geburt wieder gutgemacht wurde. Die Nachgeborenen erhielten die Namen der vorher Verstorbenen.
Je nach Geschlecht oder Stellung erfahren die Kinder mehr oder weniger Liebe. Jungen stehen höher als Mädchen, die über das Einbringen einer Mitgift verheiratet werden. Der älteste Sohn erhält das Erbe und genießt eine Vorzugsstellung in der Familie.
Das Stillen für die Kinder wird gering geschätzt. Aristokratinnen besorgten sich für diese Arbeit Ammen. Man meinte, daß die Gesundheit und Schönheit der Mütter unter dem Stillen litt.
Im 18.Jahrhundert war es auch in den städtischen Schichten der Bevölkerung üblich, die Kinder von "Pflegemüttern" aufziehen zu lassen. Nach der Geburt werden die Kinder zu einer Amme aufs Land gebracht. Bei der Amme verbleiben sie in der Regel 4 Jahre.
In der Familie nimmt der Mann in dieser Zeit die Position eines absoluten Herrschers ein. Seine Frau hat ihn vorrangig zu unterstützen und ihre gesellschaftlichen Verpflichtungen zu erfüllen. Für die Versorgung der Kinder blieb keine Zeit.
Erst gegen Ende des 18.Jahrunderts tauchen Begriffe wie "mütterliche Liebe" auf, die auch eine Aufwertung der Frau als Mutter bedeuten. Man wird sich bewußt, wie wichtig die Kinder für das bevölkerungspolitische Überleben sind (Kriege, Seuchen). Zudem wird jetzt die Vernunftehe von der Liebesheirat abgelöst. Die Familie gewinnt an Wert und besonders die Frauen nehmen eine bedeutendere Stellung ein. Dieser Wandel ist geprägt vom Bürgertum und weniger vom Adel. Mit ihrer neuen Stellung als Frau in der Familie übernimmt sie auch neue Pflichten: es gilt jetzt als schicklich, die Kinder selbst zu stillen.
Im 19.Jahrhundert werden die Frauen auf ihre Rolle als Gattin, Hausfrau und Mutter, die gemäß der neuen Ideologie ihre natürliche Bestimmung sein soll, fixiert. Mutterliebe als ihr Wesensmerkmal wird zur Pflicht, die schon früh eingeübt werden muß, um sie zur "Natur" der Frauen zu machen.
Die Frauenbewegung der 60ger Jahre stellte diesen Frauen-Mythos in Frage. Andere Einflüsse auf die Entwicklung des Kindes wie z.B. die Verantwortung des Vaters rückte mehr in den Vordergrund.