Scham Badeanstalt Scham und Peinlichkeit sind uns allen wohlvertraute Gefühlsregungen. Jeder kennt peinliche Situationen, die einem die Schamesröte ins Gesicht treibt. Sind uns diese Gefühle nun angeboren oder sind sie historisch gewachsen?

Die Wissenschaft ist sich in dieser Frage nicht einig. Doch schon seit dem 12.Jahrhundert sind öffentliche Badestuben für das christliche Europa belegt. Badevorschriften regelten zwar den Badebetrieb, Geschlechtertrennung wurde unter Androhung von Strafe verlangt, andererseits zeigen Abbildungen aus der Zeit in aller Deutlichkeit Männer und Frauen bei sexuellen Handlungen.
Im 16.Jahrhundert setzte in den Gesellschaften Westeuropas ein grundlegender Wandel ein. Kurz vor dem Ende des 15.Jahrhunderts wird Europa von einer neuen Seuche heimgesucht: der Syphilis. Nach neueren Untersuchungen wurde die Syphilis durch Kolumbus 1493 aus Amerika eingeschleppt. Das Auftreten dieser Lustseuche hatte große gesellschaftliche Veränderungen zur Folge. So wurden alle Bade- und Freudenhäuser geschlossen und sexuelle Abstinenz als Heilsbringer proklamiert. Hatten in mittelalterlichen Zeiten die Menschen bisher noch Hoffnungen, an die sie sich klammern konnten, so waren diese Tröstungen im 16.Jahrhundert nicht mehr gültig.
In der Folge wurden immer mehr Lebensbereiche aus den Augen der Öffentlichkeit entzogen und gelangten in die private und heimliche Sphäre: Baden, Schlafen, Liebkosungen...Auch der häusliche Bereich wurde aufgeteilt: Schlafstelle, Wohnstelle, Toilette usw.
Vorreiter bei der "Züchtigung des Schamempfindens" waren zunächst die adligen Gesellschaftsschichten, bevor die neuen Verhaltensregeln auch in den unteren Schichten wirksam wurden.
Heute erleben wir einen auseinanderlaufenden Prozeß in Bezug auf Scham- und Peinlichkeitsgefühlen. Auf der einen Seite darf ein makelloser nackter Körper gezeigt werden, ohne daß jemand Anstoß daran nimmt. Auf der anderen Seite findet jedoch eher ein allgemeiner Rückzug statt. Nach der kurzfristigen Liberalisierung der Schamgrenzen im Zuge der Studentenrevolte 1968, gewinnt der Prozeß der Individualisierung vor dem Hintergrund der AIDS-Gefahr immer mehr Gewicht.